Gemütlichkeit
Braunschweig, Weststadt. Plattenbauten und weitere Schnarchregale für 30.000 Menschen schaffen schnell das Bild, das Leben sei eine Schachtel und der Genuss darin verpackt.
Weil mein Schulkarton in diesem Stadtteil ausgestellt war, hatten auch meine Mitschüler eine Affinität zu Pappschachteln. So musste ich einmal mit ansehen, was sich Leute, die in Fächern schlafen, unter Genuss vorstellen; Im zarten Alter von elf Jahren begriff ich, dass ich anders war. -Als Petrick und Dennis Anfang November in der Schulpause im Supermarkt standen und zwischen den Regalen Adventskalender aufrissen, und sich alle Schokoladenstückchen in den Mund rieseln ließen - als mir klar wurde, dass sie nicht mal wussten, dass es jeweils 24 Stückchen waren, die sie vertilgten - als sie die flache Pappschachtel anschließend zwischen die Chipspackungen pfefferten - da wusste ich:
„Nä!“
und
„Ich will Geniiiiesser werden.“ Mit ganz lang gezogenem „iiieee“
Dass meine Bekannte Möhre und ich diesbezüglich in Konkurrenz zueinander stehen, stellten wir in der Vorweihnachtszeit des Jahres 2007 fest.
Ich saß mit Möhre und meinem Kumpel Christoph an einem Tisch und Möhre verzehrte ein Stück Nusstorte. Da das Stück ihr ganz allein gehörte, ließ sie es sich nicht nehmen, den Wohlschmack des Gebäcks mit herzhaftem Stöhnen zu untermalen.
„Ist der Kuchen tatsächlich soo lecker?“ fragte ich und ließ meine Augen zwischen Nusstorte und Möhres schmatzender Schnute wandern. Nicht, um uns gutes tun, sondern um ihren guten Geschmack unter Beweis zu stellen schob Möhre Christoph und mir jeweils eine Gabelspitze in den Mund. Christoph mümmelte, lutschte nachdenklich mit spitzen Lippen und ließ seine Augen gen Himmel rollen, während ich probierte, zu beweisen, dass ich mindestens so guten Geschmack wie Möhre besaß. Ich wollte meine Gaumenfreude mit einer angemessenen Dezibelzahl unterstreichen: „hmnnnnnnooooaaar!“ grunzte ich lautstark in den Äther.
Möhre unterbrach kurz ihr schnippisches kauen und blickte mich beinahe wütend an.
„Dieser Kuchen schmeckt so dermaßen gut!“ zischte sie. Sie wollte offensichtlich klar stellen, dass niemand so gut genießen könne, wie sie.
Einen Tag später lagen Christoph und ich in meinem Bett und sahen fern, als Möhre spontan vorbeiplatzte. Mich störte, dass meine Mitbewohnerin einfach Leute in unsere Wohnung ließ, wenn eigentlich Gemütlichkeit angesagt war.
Als Möhre Christoph erblickte, wie er in der Decke eingemümmelt dalag, öffnete sie ihre Augen zu zwei Kugeln voller Bewunderung und Abscheu. „Na ihr habts hier ja gemütlich“ murmelte sie ein bisschen beleidigt, offensichtlich erstaunt darüber, wie heimelig ein Kampfsportler und ein Informatiker unter einer Decke stecken konnten. Insbesondere Christoph trieb ihr eine etwas enttäuschte Zornesröte auf die runden Wangen, wie er komplett in Decke eingerollt dalag, nur die Nasenspitze ragte aus den Federn, doch sein muggeliges Grinsen konnte man durchs Deckbett strahlen sehen. „Jaha!“ erklärte ich nicht ohne stolz. „Man hatte schon Kuchen gegessen und Chili-kakao getrunken! Jawohl. Und jetzt schlumpft man ab, während man Simpsons schaut, mit Schoki im Bauch!“
So sinnlich am Vortag Möhres Lippen den Nusskuchen voll umschließen konnten, so grummelig wurden sie jetzt zu kleinen Schlitzen gepresst. „Iiiiii---ech“ begann sie „iiiech dagegen habe mir grad vom Weihnachtsmarkt nen Tannenzweig geklaut. So. Und damit…“ sie schob stolz ihre Brust vor und reckte ihre Nase in die Höhe „ und damit werde ich jetzt einen SCHÖNEN Adventskranz basteln.“ Das Wort „Adventskranz“ gluckste sie, wie andere Leute „ätschi-bätschi“ sagen und anschließend drohte sie mit einem riesigen Stück Tannengrün, das sie pieksig über Christophs Nase pendeln ließ.
„Du, Möhre“, unterbrach ich, „Du als Advents-Expertin hast doch bestimmt eine gute Idee für eine Weihnachtsgeschichte, die ich schreiben kann.“
„Oh ja“ ihre Stimme wurde freundlicher, fast singend „schreib doch über … Schneeeee…Tannen….Nüsse…Freundschaft…und Tiere. Vielleicht eine Freundschaft zwischen einer Katze (ich LIEBE Katzen) …und einer Maus!“ Anschließend lächelte sie so glücklich wie nur jemand strahlen kann, der gerade opiatduchtränkt durch Disneyland läuft und ganz fest spürt, dass DAS in Wirklichkeit die Wirklichkeit ist.
„Oh ja, danke“ antwortete ich. Ich war wirklich immer sehr dankbar, wenn ich wenigstens wusste, worüber ich sicherlich nicht schreiben würde.
Möhres Antwort „Du hast gar keine Ahnung von Gemütlichkeit!“ löste eine Kaskade von Gemütlichkeitswettstreit aus:
„Iiiech“ eröffnete ich den Dialog „ iiiiech, ja, habe das knistern von Daunendecken in meinem Mp3-Player!“
„Und ich esse immer ganz viel Lebkuchen im Bett, weil er so lecker ist und die Krümel so weich“
„Ich habe mir mal Muskelrelaxantien gespritzt um noch geschmeidiger ins die Sesselmulde zu passen!“
„Ich hab extra ein stück aus meiner Matratze rausgeschnitten, damit mein Arm mehr Platz hab, wenn ich in Embryonalhaltung daliege.“
„Ich lasse vom Rasensprenkler im Hochsommer meine Scheibe beprasseln, damit man drinnen spielen kann, „es regnet draußen!“
„Ich habe mir von meiner Katze das Schnurren beibringen lassen“
„Ich lege mich manchmal in die Tiefkühltruhe zwischen Tiefgekühlte Igelbälle, nur damit das Bett danach noch behaglicher ist, das von dicken Schürzenomas vorgewärmt wurde, und das –wenn ich dann drin liege- von den Schürzenomas rigoros an den Seiten fest gestopft wird.“
Unser Streit sollte noch bis in die Späten Abendstunden dauern. Während wir schrieen und kreischten, uns demonstrativ in Daunenkissen warfen und brutal uns in Decken ruckelten, lugte eine warme Nasenspitze aus einem stillen Berg von Bettzeug. Es war Christophs Nasenspitze und sie sog Luft ein, um sie wieder auszublasen. Sonst nichts.
Es war erstaunlich, dass selbst solch ein kleines Knorpelstück lächeln kann.
„Nä!“
und
„Ich will Geniiiiesser werden.“ Mit ganz lang gezogenem „iiieee“
Dass meine Bekannte Möhre und ich diesbezüglich in Konkurrenz zueinander stehen, stellten wir in der Vorweihnachtszeit des Jahres 2007 fest.
Ich saß mit Möhre und meinem Kumpel Christoph an einem Tisch und Möhre verzehrte ein Stück Nusstorte. Da das Stück ihr ganz allein gehörte, ließ sie es sich nicht nehmen, den Wohlschmack des Gebäcks mit herzhaftem Stöhnen zu untermalen.
„Ist der Kuchen tatsächlich soo lecker?“ fragte ich und ließ meine Augen zwischen Nusstorte und Möhres schmatzender Schnute wandern. Nicht, um uns gutes tun, sondern um ihren guten Geschmack unter Beweis zu stellen schob Möhre Christoph und mir jeweils eine Gabelspitze in den Mund. Christoph mümmelte, lutschte nachdenklich mit spitzen Lippen und ließ seine Augen gen Himmel rollen, während ich probierte, zu beweisen, dass ich mindestens so guten Geschmack wie Möhre besaß. Ich wollte meine Gaumenfreude mit einer angemessenen Dezibelzahl unterstreichen: „hmnnnnnnooooaaar!“ grunzte ich lautstark in den Äther.
Möhre unterbrach kurz ihr schnippisches kauen und blickte mich beinahe wütend an.
„Dieser Kuchen schmeckt so dermaßen gut!“ zischte sie. Sie wollte offensichtlich klar stellen, dass niemand so gut genießen könne, wie sie.
Einen Tag später lagen Christoph und ich in meinem Bett und sahen fern, als Möhre spontan vorbeiplatzte. Mich störte, dass meine Mitbewohnerin einfach Leute in unsere Wohnung ließ, wenn eigentlich Gemütlichkeit angesagt war.
Als Möhre Christoph erblickte, wie er in der Decke eingemümmelt dalag, öffnete sie ihre Augen zu zwei Kugeln voller Bewunderung und Abscheu. „Na ihr habts hier ja gemütlich“ murmelte sie ein bisschen beleidigt, offensichtlich erstaunt darüber, wie heimelig ein Kampfsportler und ein Informatiker unter einer Decke stecken konnten. Insbesondere Christoph trieb ihr eine etwas enttäuschte Zornesröte auf die runden Wangen, wie er komplett in Decke eingerollt dalag, nur die Nasenspitze ragte aus den Federn, doch sein muggeliges Grinsen konnte man durchs Deckbett strahlen sehen. „Jaha!“ erklärte ich nicht ohne stolz. „Man hatte schon Kuchen gegessen und Chili-kakao getrunken! Jawohl. Und jetzt schlumpft man ab, während man Simpsons schaut, mit Schoki im Bauch!“
So sinnlich am Vortag Möhres Lippen den Nusskuchen voll umschließen konnten, so grummelig wurden sie jetzt zu kleinen Schlitzen gepresst. „Iiiiii---ech“ begann sie „iiiech dagegen habe mir grad vom Weihnachtsmarkt nen Tannenzweig geklaut. So. Und damit…“ sie schob stolz ihre Brust vor und reckte ihre Nase in die Höhe „ und damit werde ich jetzt einen SCHÖNEN Adventskranz basteln.“ Das Wort „Adventskranz“ gluckste sie, wie andere Leute „ätschi-bätschi“ sagen und anschließend drohte sie mit einem riesigen Stück Tannengrün, das sie pieksig über Christophs Nase pendeln ließ.
„Du, Möhre“, unterbrach ich, „Du als Advents-Expertin hast doch bestimmt eine gute Idee für eine Weihnachtsgeschichte, die ich schreiben kann.“
„Oh ja“ ihre Stimme wurde freundlicher, fast singend „schreib doch über … Schneeeee…Tannen….Nüsse…Freundschaft…und Tiere. Vielleicht eine Freundschaft zwischen einer Katze (ich LIEBE Katzen) …und einer Maus!“ Anschließend lächelte sie so glücklich wie nur jemand strahlen kann, der gerade opiatduchtränkt durch Disneyland läuft und ganz fest spürt, dass DAS in Wirklichkeit die Wirklichkeit ist.
„Oh ja, danke“ antwortete ich. Ich war wirklich immer sehr dankbar, wenn ich wenigstens wusste, worüber ich sicherlich nicht schreiben würde.
Möhres Antwort „Du hast gar keine Ahnung von Gemütlichkeit!“ löste eine Kaskade von Gemütlichkeitswettstreit aus:
„Iiiech“ eröffnete ich den Dialog „ iiiiech, ja, habe das knistern von Daunendecken in meinem Mp3-Player!“
„Und ich esse immer ganz viel Lebkuchen im Bett, weil er so lecker ist und die Krümel so weich“
„Ich habe mir mal Muskelrelaxantien gespritzt um noch geschmeidiger ins die Sesselmulde zu passen!“
„Ich hab extra ein stück aus meiner Matratze rausgeschnitten, damit mein Arm mehr Platz hab, wenn ich in Embryonalhaltung daliege.“
„Ich lasse vom Rasensprenkler im Hochsommer meine Scheibe beprasseln, damit man drinnen spielen kann, „es regnet draußen!“
„Ich habe mir von meiner Katze das Schnurren beibringen lassen“
„Ich lege mich manchmal in die Tiefkühltruhe zwischen Tiefgekühlte Igelbälle, nur damit das Bett danach noch behaglicher ist, das von dicken Schürzenomas vorgewärmt wurde, und das –wenn ich dann drin liege- von den Schürzenomas rigoros an den Seiten fest gestopft wird.“
Unser Streit sollte noch bis in die Späten Abendstunden dauern. Während wir schrieen und kreischten, uns demonstrativ in Daunenkissen warfen und brutal uns in Decken ruckelten, lugte eine warme Nasenspitze aus einem stillen Berg von Bettzeug. Es war Christophs Nasenspitze und sie sog Luft ein, um sie wieder auszublasen. Sonst nichts.
Es war erstaunlich, dass selbst solch ein kleines Knorpelstück lächeln kann.

